Archive for the ‘Alleinerziehend’ Category

Lange Pausen

8. März 2018

Bevor nun wieder ein Jahr vorbei ist, packe ich die Gelegenheit beim Schopf und belebe meinen Blog ein bißchen. Unglaublich, wie die Zeit verfliegt.

Uns geht es ganz gut, abgesehen von dem Dauerstress des Alleinerziehens und manchen Widrigkeiten bei der Arbeit. Mein Job macht mir nach wie vor Spaß, auch wenn ich mehr und mehr spüre, daß die Psychiatrie in Krankenhausform auf Dauer ziemlich anstrengt. Die Bereitschaftsdienste sind zwar glücklicherweise nicht häufig, fordern aber ihren Tribut. Ich war noch nie ein Nachtmensch und somit fällt es mir unheimlich schwer, zu meiner Schlafenszeit noch voll konzentriert zu arbeiten, und das oft nicht wenig. Die Dienste sind eigentlich im Vertrag mit einem Pensum von maximal 40% Arbeitsbelastung angesetzt, de facto sind es aber meist 60-90%, ein Bereich, in dem normalerweise kein Bereitschaftsdienst mehr angeordnet werden darf. Das ärgert mich zunehmend und ich hoffe, daß sich bald etwas daran ändert.

Meine Stimmung wechselt oft zwischen „Ich kann nicht mehr, es ist alles zuviel“ und „läuft gerade wie geschmiert“. Meine zwei pubertierenden Großen sind bis auf gelegentliches Augenrollen und die üblichen Stimmungsschwankungen erträglicher als im Kleinkindalter. Ich finde es spannend zu beobachten, wie aus den Kindern ganz allmählich Jugendliche bzw. junge Erwachsene werden. Der Jüngste besucht mittlerweile die erste Klasse und schimpft täglich über die in seinen Augen völlig überflüssigen Hausaufgaben, seiner Meinung nach ist die Schule sowieso zu nichts gut und gehört abgeschafft :-). Das Lesen hat er trotzdem wie erwartet binnen weniger Wochen gelernt, Rechnen war vorher schon seine große Leidenschaft und er fordert regelmässig Extraaufgaben ein. Die Tochter ist etwas abgesackt von den Noten her, aber völlig im grünen Bereich für eine 13jährige. Beim Zeugnisvergleich zeigte sich, daß meines fast identisch war in der 7.Klasse :-). Und der große Sohn hatte zwar anfangs etwas Probleme, sich im Gymnasium mit den vielen Schülern, Lehrern und Fächern zurechtzufinden, allmählich wächst er aber hinein und ist dabei seinen Platz zu finden.

Mein Beziehungsleben liegt nach wie vor auf Eis. Zwischendurch unternehme ich ab und zu einen Flirtversuch, auch ein Date ist alle paar Monate drin, manchmal frage ich mich aber, wie ich überhaupt noch zusätzliche Zeit aufbringen soll. Wie soll das funktionieren  ? Ein Tag der von 5:30 Uhr bis 22 Uhr fast ohne Pause vorbeizieht, drei Kinder, die jede Menge Bedürfnisse haben und immer wieder meine Hilfe benötigen, Patienten mit Nöten und Problemen, ich selber mit meinen Bedürfnissen und eigentlich kaum Raum für etwas anderes.

Um etwas Abstand zu allem zu bekommen und wenigstens ein bißchen durchschnaufen zu können werden wir im Mai für drei Wochen auf Mutter-Kind-Kur gehen. Ich freue mich sehr darauf, vor allem da alle Kinder mitfahren dürfen. Vielleicht bringt das etwas Ruhe hinein und ich schaffe es anschließend auch, diese Ruhe eine Zeitlang zu erhalten.

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Außer Atem

28. April 2017

Nach langer, langer Zeit schreibe ich mal wieder hier. Mir war gar nicht bewußt, daß schon über ein Jahr vergangen ist …

Oft fühle ich mich wie in der Überschrift, völlig außer Atem. Ich laufe und laufe, komme aber nie an. Es greift alles ineinander, ich habe mich an sämtliche Abläufe als arbeitende, alleinerziehende Mutter gewöhnt, und doch widerstrebt mir das Tempo, in dem mein Leben dahinrast.

Für alle, die hier noch mitlesen, möchte ich ein wenig von den letzten Monaten berichten. Die kaputte Schulter habe ich schlußendlich letztes Jahr im Mai operieren lassen. Das verschaffte mir vier Wochen Pause, die zwar eingeschränkte Beweglichkeit und Schmerzen beinhaltete, aber auch die dringend benötigte Ruhe für die Seele. Ich habe die Zeit damals sehr genossen. Wieder mehr für die Kinder da sein können, wieder frisches Mittagessen kochen und gemeinsam am Tisch sitzen und essen, innehalten und auch mal gar nichts tun.

Mitte Juni erfolgte dann der Wechsel in eine neue Abteilung, seitdem arbeite ich in der psychiatrischen Tagesklinik. Seit August 2016 habe ich auch meine Stundenzahl reduziert, von 32 auf 28. Das tut mir sehr gut und ich habe seitdem zumindest das Gefühl, nicht mehr ständig über dem Limit, sondern nur noch genau am Limit zu sein. Noch besser wäre es, nach oben etwas Luft zu haben für anstrengende Zeiten, im Klinikalltag ist eine noch geringere Stundenzahl aber nur schwer umsetzbar und ich muss zugeben, daß ich auch die finanzielle Einbuße ungern in Kauf nehmen würde.

Mit der Arbeit bin ich nach wie vor sehr zufrieden. Vorausgesetzt, ich blende die Rahmenbedingungen aus :-). Mir bereitet es große Freude, meinen Patienten Hoffnung und neue Perspektiven schenken zu können und ich kann auch viel für mich selber mitnehmen. Ich achte mehr auf mich, grenze mich besser ab und weiß mittlerweile gut, wie ich zur Ruhe komme. Allerdings habe ich selten Gelegenheit dazu, dies auch umzusetzen. Neu für mich entdeckt habe ich das Laufen. Sowohl in Form von Joggen, als auch zur Arbeit zu laufen. In etwa 40 Minuten bin ich zu Fuß dort und sowohl auf dem Hinweg als auch auf dem Rückweg kann ich meine Gedanken sortieren und abschalten. Aktuell leider durch das letzte Kindergartenkind noch nicht täglich umsetzbar, ab September werde ich aber versuchen, so oft es geht zu laufen.

Auf meine Kinder bin ich nach wie vor sehr stolz. Der Jüngste kommt im September in die Schule und wurde beim Entwicklungsgespräch im Kindergarten durchweg gelobt, es gab keinerlei Defizite. Der Mittlere wird auf das Gymnasium gehen, in dem seine Schwester bereits auf die 7.Klasse zusteuert. Darauf freue ich mich sehr, da hier in der Grundschule ein sehr rauer Umgang herrscht und mein Kind die letzten zwei Jahre sehr gelitten hat. Als ob die Diabetesdiagnose nicht schon genug gewesen wäre ….

Ich bin nach wie vor glücklich, Mutter von drei Kindern zu sein. Es ist oft anstrengend, manchmal wird mir die Mischung aus Arbeit, Kindern und Haus etwas zu viel, wenn ich aber abends jedes einzelne Kind im Arm halte, wir über den Tag reden und kuscheln, läuft mir täglich das Herz über. Gleichzeitig bin ich oft erschüttert, welch grausame Geschichten meine Patienten als Kinder erlebt haben und es wundert dann nicht, daß das Erlebte Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen auslöst, teils mit starken Suizidgedanken. So oft sitze ich da und wünsche mir, daß Eltern genauer hinsehen, die Persönlichkeit ihres Kindes wirklich wahrnehmen und bei sich aufräumen, statt ihren Ballast auf dem Rücken von ihren Schutzbefohlenen auszutragen. Es müssen keine Schläge oder sexueller Mißbrauch sein. Oft reicht schon wiederholte verbale Demütigung und mangelnde Akzeptanz der Persönlichkeit des Kindes. Oder auch überbehütendes und übergriffiges Verhalten.

Es hilft aber zum Glück oft, wenn ein Therapeut eine zuverlässige und vertrauenswürdige Bezugsperson wird und über Wertschätzung und Annahme Stabilität und Würde wieder zurückgibt. Daß das funktioniert erfahre ich bei der Arbeit immer wieder und habe dann das Gefühl, wenigstens im Kleinen etwas verändern zu können.