Allerheiligen

Normalerweise denke ich nicht viel über Feiertage nach. Und Allerheiligen war für mich einfach immer nur ein Feiertag unter vielen, die Läden haben geschlossen und die meisten Menschen sind zu Hause bei ihren Familien.

Heute war ein besonderes Allerheiligen. Die Blogpause der vergangenen Tage hatte einen Grund. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag letzte Woche verstarb meine Oma. Seit Jahren hatten wir damit gerechnet, daß es bald zu Ende gehen würde, nun wäre sie sogar fast 103 Jahre alt geworden. In den letzten Wochen baute sie rapide ab, eine Wunde am Bein wollte nicht mehr heilen, sie litt immer mehr unter starken Schmerzen und ich wünschte mir zunehmend, daß sie bald sterben dürfe.

Anfangs empfand ich vorwiegend Erleichterung. Es war schlimm, sie immer mehr verfallen zu sehen, nur noch den Schatten des Menschen erkennen zu können, der sie einmal war. 5 Tage vor ihrem Tod hatte ich sie noch zusammen mit unseren großen Kindern besucht und hielt nur noch ein Häuflein Mensch in meinen Armen. An diesem Tag nahm ich gedanklich schon Abschied, streichelte und drückte sie noch eine ganze Weile, es war klar, daß ihre Uhr abgelaufen war. Die Kinder machten es mir nach und äußerten in den letzten Tagen erst, daß sie froh sind, sich an diesem Samstag verabschiedet zu haben.

Bis heute hielt die Erleichterung an und ich wunderte mich schon, daß ich kaum Trauer fühlte. Dann heute, ausgerechnet an dem Feiertag, der für diesen Fall gedacht ist, platzte der Knoten. Ich stand in der Küche, räumte auf und hörte eines meiner Lieblingsklavierkonzerte von Rachmaninov, als mir plötzlich die Tränen hinunterliefen. So oft saß ich neben meiner Oma am Klavier als Kind, wir spielten zusammen vierhändig Kinderlieder und hatten sehr viel Spaß zusammen. Nicht nur die Liebe zur Musik verband uns, ich bewunderte ihren fast immer vorhandenen Optimismus, den Humor, den sie selbst in wirklich schlimmen Situationen kaum verlor und durfte mein ganzes Leben lang diese tiefe Liebe spüren, die sie für mich empfand und die ich in denselbem Maß erwiderte.

Meine Oma war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Einerseits bin ich nun tieftraurig, daß es sie nicht mehr gibt. Andererseits hatte ich fast 20 Jahre Zeit, mich von ihr zu verabschieden, da es immer wieder so aussah, als sei der letzte Tag gekommen. Und ich bin mehr als dankbar, daß ich sie nicht nur kennenlernen, sondern einen Großteil meines Lebens mit ihr verbringen durfte. Von ihr habe ich gelernt, die Dinge positiv zu sehen, auch wenn alles ganz schlimm aussieht, den Kopf immer über Wasser zu halten und mich an dem zu freuen, was ich habe. Wie meinte heute meine Tochter, „Mama, die Uroma war eine ganz liebe Oma, gell ?“. Das trifft es auf den Punkt und sie wird auf jeden Fall immer einen Platz in meinem Herzen behalten …

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5 Antworten to “Allerheiligen”

  1. h1ddenl1dar Says:

    Das hast Du sehr schön geschrieben. Mein Mitgefühl!

  2. extrafruity Says:

    Dein Beitrag hat mich zwar traurig gemacht, aber mich auch mit einem Lächeln auf den Lippen zurückgelassen. Ich hoffe, so kannst du auch an deine Oma denken – und mit der Zeit wird das Lächeln bleiben!
    Alles Gute wünscht
    Nele

  3. Sigrid Says:

    Mein herzliches Beileid!
    Es ist immer schwer, einen Menschen gehen zu lassen, aber nach fast 103 Jahren war es für sie wohl auch eine Erleichterung.
    Leider konnte ich mich von meiner Oma und meinem Opa nicht so verabschieden, da beide letztlich ziemlich unerwartet starben.

  4. Kathrin Says:

    Auch wenn man weiß, dass es eine Erlösung ist, so darf und soll man trauern. Denn jetzt fehlt der geliebte Mensch und dies geschieht dann eben doch ganz plötzlich und mit aller Heftigkeit.

    Fühl Dich gedrückt und behalte Deine Oma in lebendiger Erinnerung. auch von mir mein Mitgefühl

  5. Frau Muschel Says:

    Mein Mitgefühl…*schneutz*

    Ich habe sehr viel Gänsehaut und ein Tränchen im Auge :°°)

    Schön geschrieben

    Herzlichst
    Frau Muschel

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