Schockmoment

Am vergangenen Dienstag erlebte ich einen mich immer noch etwas mitnehmenden Schockmoment.

Unsere Kinder weilen diese Woche bei meinen Eltern. An ebendiesem Dienstag beschloß ich, sie besuchenzufahren, ich wollte diesen Besuch mit einer kleinen Baustellenbesichtigung verbinden (praktischerweise liegt unsere Baustelle genau zwischen unserer jetzigen Bleibe und dem Haus meiner Eltern) und außerdem hatte ich gehört, daß meine geliebte Oma zu Besuch sei. Da ich sie schon etwa 4 Wochen nicht mehr gesehen hatte und nun mit über 102 Jahren die Wahrscheinlichkeit ihres Ablebens täglich ansteigt, freute ich mich schon sehr auf sie.

Als ich gegen Mittag ankam, hielt sie gerade ein Nickerchen, was mich aber nicht weiter beunruhigte. In dem Alter ist man eben nicht mehr den ganzen Tag wach. Als sie dann aber zwei Stunden später immer noch nicht die Augen geöffnet hatte und auch nach mehreren Ansprech- und Umarmungsversuchen nicht reagierte, wurde mir doch mulmig zumute.

Schlußendlich saßen wird irgendwann alle um sie herum, sie atmete nur ganz flach, sah gelblich-bleich im Gesicht aus und wir rechneten eigentlich damit, daß sie in den nächsten Stunden sterben würde. Und ich war todunglücklich, da ich meinte, zu spät gekommen zu sein. In diesem Moment war ich völlig verzweifelt, ich hätte so gerne noch einmal mit ihr gesprochen und ihr in die Augen gesehen.

Als ob sie das geahnt hätte, schlug sie ca. eine halbe Stunde später die Augen auf, räusperte sich lautstark und war plötzlich wieder da. Sie sah und erkannte mich auch sofort, freute sich, daß alle ihre Lieben um sie herum waren, kuschelte mit unserem Jüngsten und wiederholte mehrmals, wie glücklich sie in diesem Moment sei. Anschließend kam noch der Satz, sie würde bald gehen und wünsche uns noch ein schönes und glückliches Leben.

Ich habe mich nun entgültig von ihr verabschiedet. Vielleicht werden wir uns doch noch einmal sehen, aber lange wird es nicht mehr dauern, bis sie diese Erde verlässt. Einerseits freue ich mich für sie, ihr Leben ist nicht mehr wirklich lebenswert (sie ist fast blind, fast taub, hat mittlerweile offene Beine, die nicht mehr zuheilen, immer wieder Angina pectoris Anfälle, u.s.w. …), andererseits vermisse ich sie jetzt schon. Mich verbindet ein sehr festes Band mit ihr, sie war für mich sehr oft Zufluchtsort und hat mich getröstet, und ich denke, es wird das erste Mal in meinem Leben sein, daß ich wirklich tief um einen Menschen trauere, wenn sie nicht mehr da ist.

Zum Glück war das am Dienstag nicht das Ende. Ich bin sehr, sehr dankbar, daß ich nochmals die Gelegenheit hatte ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebe, sie drücken und streicheln konnte …

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3 Antworten to “Schockmoment”

  1. Marlies Says:

    Meine Uroma ist mit 100 Jahren gestorben – ich bin für jeden Tag dankbar, den ich noch mit ihr erleben durfte. Genießt die verbleibende Zeit.

  2. aleXXblume Says:

    Wow. Mit 102 Jahren aufzuwachen, alle seine Liebsten um sich zu haben und nach so einem langen Leben sagen zu können, „Ich gehe bald“, das ist glaube ich alles, was man haben kann. Besser geht es nicht. Ich fand es sehr bewegend, wie du das geschrieben hast und wünsche deiner Oma für wann auch immer unbekannterweise eine sanfte Reise in die nächste Dimension…

    • tekelek Says:

      Ich fand diese Szene auch gleichzeitig traurig und schön. Als ich den Artikel geschrieben habe, hallte alles gerade in mir wider und ich musste es einfach loswerden. Sie lebt immer noch, vielleicht sehen wir uns doch noch einmal.

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