Erziehung – Beziehung

Als ich gerade bei „Mairlynd“ den letzten Blogbeitrag las ging mir so einiges durch den Kopf.

Ich dachte über die Erziehung unserer Kinder nach. Über meine eigene Erziehung. Was Erziehung in den jeweiligen Jahrzehnten/Jahrhunderten bedeutete. Und daß eigentlich alle Kinder zum etwa gleichen Zeitpunkt gewisse Phasen durchmachen. Phasen, die in der Summe dann im Erwachsensein münden. Oder zumindest münden sollten, wenn sie ungestört durchlaufen werden konnten.

ERziehung ist in meinen Augen vor allem auch BEziehung. Was nützt mir alles Bitten, Schimpfen, Drohen, Belohnen und anderes, wenn ich nicht die gleiche Sprache spreche wie mein Kind ? Was bringen jegliche Kommunikationsversuche, wenn sie am Kind vorbeigehen ? Wie soll Respekt entstehen, wenn kein Gegenrespekt besteht ?

Beim ersten Kind war ich noch fast panisch, als es in die berühmte „Trotzphase“ oder die „Terrible Two“ kam. Bis dahin war unsere Tochter ein Traumkind. Ruhig, höflich, fröhlich und freundlich, beinahe nie laut oder aggressiv. Dann wurde sie zweieinhalb. Und ich erkannte mein Kind nicht wieder. Sie schlug nach mir. Sie provozierte, wo es nur ging. Sie hörte nicht auf mich, egal um was es ging. Und ich verzweifelte. Probierte alles mögliche aus. Vor lauter Schlafmangel und Stress (als sie 20 Monate alt war, kam unser Sohn auf die Welt) schrie ich dann doch oft nur noch herum, drohte und schimpfte, was die ganze Sache noch schlimmer machte. Ich hatte keinerlei Vertrauen mehr in meine Erziehungsfähigkeiten und dachte, ich hätte alles falsch gemacht.

Und dann, irgendwann kurz vor ihrem dritten Geburtstag, war es als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Plötzlich war sie wieder ruhig, freundlich und ausgeglichen. Wir konnten miteinander reden ohne Streit, sie hörte auf Warnungen oder Verbote und alles war wieder harmonisch. Bis sie etwa dreieinhalb Jahre alt war und das Spiel von Neuem begann. Dieses Mal war ich allerdings schon vorbereitet, außerdem stand ja Kind Nr.2 bereits in den Startlöchern für Phase Nr.1 …

Seitdem wiederholen sich solche Phasen regelmässig. Und meist wenn ich denke, ich drehe bald durch und halte es nicht mehr aus, endet die Phase wieder. Es ist immer noch anstrengend und zeitweise sehr nervenaufreibend, aber ich kann mittlerweile gut damit umgehen.

In den letzten Jahren habe ich sehr viele Bücher über Erziehung gelesen. In machen habe ich mich wiedergefunden, viele fand ich furchtbar einseitig und starr. Sehr gefallen mir die Bücher von Jesper Juul, der Ansatz, das Kind zu größtmöglicher Selbstständigkeit zu erziehen und es als intelligenten, kooperationswilligen Menschen und nicht als niedere, rohe Kreatur anzusehen, ist meines Erachtens ein sehr guter. Keinesfalls muß man Kinder zurechtbiegen, -schleifen, – was auch immer, das Meiste steckt schon in ihnen und muß höchstens den jeweiligen Gesellschaftsregeln etwas angepasst werden. Kinder sind in vielem klüger, ehrlicher und vorurteilsfreier als die meisten Erwachsenen und ich finde es sehr schade, daß dies im Lauf der Zeit oft verlorengeht bzw. ausgetrieben wird.

Jede „Phase“ ist ein Reifungsprozess. Und wenn ich in den letzten Jahren etwas gelernt habe, dann ist es, während dieser Phasen einfach Ruhe zu bewahren. Mit dem Strom zu schwimmen und nicht versuchen, dagegenzurudern. Das Kind als einen Schiffbrüchigen anzusehen, der gegen hohen Seegang ankämpft und ihm, statt es unter Wasser zu drücken, dann und wann einen Rettungsring zuwirft.

Jetzt in diesem Moment liegt ein noch sehr kleiner Mensch neben mir. Gerade 6 Monate alt geworden ist er, und kämpft doch schon mit den verschiedensten Veränderungen, ist unruhig, kann nicht schlafen, motzt und schreit teilweise sehr viel, aber es macht mir nicht mehr viel aus. Ich weiß, daß danach wieder eine wunderbare Phase der Zufriedenheit und vieler überraschender neuer Fähigkeiten kommen wird. Daß er, obwohl ich ihn ab und zu an die Wand klatschen möchte, momentan alle Liebe und Zuwendung braucht, die ich habe. Genau wie ein 3-, 4- oder 15-Jähriger, der im Umbruch steckt.

Alles was man für eine gute Erziehung braucht ist tonnenweise Geduld, Vertrauen und eine gute Selbstkenntnis. Am Wichtigsten ist nämlich denke ich für jedes Kind, authentische Eltern vor sich zu haben. Die sagen, was sie denken und fühlen, und nicht versuchen, ein anderer zu sein. Und vor allem Eltern, die das, was sie beim Kind an Eigenschaften sehen möchten, selber vorleben. Das fängt an beim höflichen Umgang mit dem Kind und hört auf beim Fahrradhelm aufsetzen bei der gemeinsamen Radtour …

Und wer glaubt, beim zweiten, dritten, vierten Kind alles perfekt machen zu können, der irrt. Jedes Kind ist anders, obwohl jedes Kind ähnliche Phasen durchläuft. Und jedes Kind wird auf das Auftreten der Eltern anders reagieren. Die Kunst ist es, wie oben geschrieben die Nerven zu bewahren und alles in Ruhe auf sich zukommen zu lassen. Und dann individuell zu reagieren. Und darauf zu vertrauen, daß sich auch dieses Mal alles mit der Zeit von selber fügt ..

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Eine Antwort to “Erziehung – Beziehung”

  1. und dann geht es doch … « Nilajas Blog Says:

    […] ich bin beeindruckt und hoffe, dass es jetzt so eine Weile bleibt. Wie soeben schon tekelek gesagt hat, es ist immer ein Wechsel zwischen anstrengenden Phasen, bei denen man verzweifeln möchte und […]

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