„Fördern“ bis der Arzt kommt

Gestern waren unsere Kinder auf einem Kindergeburtstag eingeladen. Beim Abholen setzten sich dann alle Eltern noch ein wenig zusammen und unterhielten sich bzw. futterten noch die Reste der Kinder weg 🙂

Dabei erfuhren wir, daß eines der Kinder im neuen Jahr einen anderen Kindergarten besuchen wird. Erst dachte ich mir „Super, endlich wird bei dem Jungen mal etwas getan“, da dieser immer leicht zurückgeblieben bzw. etwas autistisch wirkt und ich mir schon länger dachte, daß er eventuell in einem Integrations-/Förderkindergarten besser aufgehoben wäre.

Aber weit gefehlt. Der Vater meinte, sein Sohn brauche eine starke Hand und mehr durchgeplante Umgebung, also haben sie ihn in einer zweisprachigen „Preschool“ angemeldet. Der Wechsel folgt abrupt, mitten im Kindergartenjahr, das arme Kind kommt in eine ihm völlig unbekannte Umgebung (die Einrichtung befindet sich nicht in der gleichen Gemeinde, sondern zwei Gemeinden entfernt), bleibt dort bis Ende nächsten Jahres und wird anschließend eingeschult – dann aber wieder in der alten Gemeinde, ohne Anschluß an seine Freunde …

Mich hat das ehrlich gesagt ziemlich schockiert. Der Vater zählte dann noch auf, was dort alles veranstaltet wird, wie straff der „Stundenplan“ ist, daß sein Sohn endlich auch bis 18 Uhr und nicht nur bis 15 Uhr dort bleiben kann, u.s.w. …

Das Kind ist 5 Jahre alt und wie gesagt etwas zurückgeblieben. Es war richtig glücklich im jetzigen Kindergarten, ihm fehlte nichts. Klar ist dieser Kindergarten nicht so durchstrukturiert. Und sicher wird nicht auf Teufel komm raus „gefördert“. Die Vorschulstunden fallen ab und zu mal aus, es gibt „nur“ ein Mal in der Woche ein wenig Englisch“unterricht“ (eine Mutter ist den ganzen Vormittag da und redet nur Englisch mit den Kindern), vieles wird spontan unternommen (z.B. lange Waldspaziergänge, was ich super finde) und es wird eher darauf geachtet, daß sich die Kinder wohl fühlen und sich frei entfalten können, als daß sie „gedrillt“ werden.

Es kam noch das Argument, daß der Schulstress durch die „Preschool“ schon mal vorweggenommen würde, und der Junge somit besser darauf vorbereitet wäre. Das ist in meinen Augen absoluter Schwachsinn. Ich glaube, er wird nun erst recht untergehen bzw. gestresst sein oder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, denn so viele Veränderungen können nicht gut sein, wenn man sowieso schon ein „Träumer“ ist, wie der Vater es ausdrückte.

Ich bin sehr froh, daß unsere Kinder eine noch ganz unbeschwerte Kindheit erleben dürfen und noch nicht dem Leistungsdruck und den ganzen Zwängen unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Und obwohl es kein straffes Programm oder ähnliches gibt, weder im Kindergarten noch zu Hause, entwickeln sie sich hervorragend. Sie haben Spaß am Lernen, eignen sich vieles von sich aus an, stellen tausende von Fragen Tag für Tag und entdecken die Welt ohne daß ihnen jemand sagt, daß sie es machen müssen oder sollten.

Ich bin immer noch sehr traurig wegen der gestrigen Diskussion und hoffe, daß der Junge halbwegs damit zurechtkommen und nicht vom Regen in die Traufe geraten wird …

Advertisements

6 Antworten to “„Fördern“ bis der Arzt kommt”

  1. Na Says:

    Ich finde diesen Druck bei so kleinen Kindern auch grässlich! Bei uns sind Kinder in der Kita, die genau einen einzigen freien Nachmittag in der Woche haben!! An allen anderen werden diverse Kurse besucht!!! Und das sind echt keine Einzelfälle!!!

    Was mich aber interessieren würde: hast du deine Meinung dazu diesem Vater gesagt oder dir deinen Teil nur gedacht?

    • tekelek Says:

      Ich habe mir meinen Teil nur gedacht, da er schon etwas älter ist (ca. Ende 50) und es bestimmt nur eine endlose, fruchtlose Diskussion gegeben hätte. Er ist so dermaßen überzeugt davon, richtig zu handeln, ich denke nicht, daß man da etwas ändern kann.

  2. rebecca Says:

    Irgendwie sind sich viele Leute so gar nicht mehr bewusst, dass Förderung nicht (nur) nach aussen delegiert werden kann/soll, sondern dass ein grosser Teil davon hausgemacht sein muss. Und eine unbeschwerte Kindheit, wie Du es schön beschreibst, ist ein optimales Förderprogramm, find ich, weil es die Kinder dort abholt, wo sie mit ihren Interessen effektiv stehen…

  3. golm1512 Says:

    Meine Freundin war neulich sehr ärgerlich. Ihr Sohn ist „nur“ mittelmäßig in seinen „Leistungen“, dafür aber sehr fröhlich und freundlich. In einem Gespräch mit einer andren Mutter, die auch „nur ein mittelmäßig begabtes“ Kind hat, kam haraus, dass diese ihr Kind die 2. Klasse wiederholen lassen will, damit sich diese Mittelmäßigkeit nicht durch die ganze Schulzeit hindurchzieht. Meine Freundin meinte erbost: „Es gibt nur noch abgehängte oder hochbegabte Kinder. Die anderen kommen nicht mehr vor!“
    Ich frage mich manchmal, wie die Welt funktionieren soll, wenn wirklich alle Abitur machen, studieren gehen und Karriere machen. Wer verkauft mir dann die Brötchen, räumt den Müll weg oder pflegt die Alten und Kranken?
    Für mich ist dieser Förderwahnsinn…Wahnsinn!

  4. Schussel Says:

    Oh, da sagst Du was – ich finde diesen Förderwahn und Drill auch grausam und falsch. Ja, hoffen wir, dass der Kleine dort irgendwie zurecht kommt…

    Aber selbst als der Knirps noch winzig war, wurden mir schon „Tips“ in solche Richtungen gegeben. Er müsse lernen, sich an feste Abläufe und Zeiten und Vorgaben zu halten, damit er das später in Spielgruppen und Kindergarten kann. Die elternfreie Vorkindergartengruppe hier in der Gegend betont, dass sie hauptsächlich die Abläufe aus dem Kindergarten lernen (Tasche aufhängen, still am Tisch sitzen, im Kreis sitzen, …), damit er das für den Kindergarten kann. Der Kindergarten übt für die Schule, wo alle still sitzen sollen. Und die Schule soll auf den Leistungsdruck im Berufsleben vorbereiten. Nie ist die Argumentation, dass es für jetzt gerade gut wäre, immer der Verweis auf die nächste „Leistungsstufe“ und das „lernen müssen“. Ist das nicht irre? Über diesen Dominoeffekt sollen also tatsächlich die allerkleinsten nur auf etwas vorbereitet werden, was uns Großen eigentlich auch nicht schmeckt.

    Neee, da lass ich ihn doch lieber ein bisschen ungeplant durch Wälder und Pfützen laufen, oder den Küchenschrank ausräumen und auf dem Sofa toben, ganz ohne feste Termine und ohne Programm von außen. Bisher scheint ihm nichts zu fehlen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: