Alles Charaktersache ?

Da meine Antworten zu dem vorhergehenden Eintrag wahrscheinlich zu lang ausfallen würden, schreibe ich nun noch einen neuen (in Bezug auf das, was ich darunter geschrieben habe …).

Es wurde geschrieben, daß man mit Erziehung nur bedingt etwas erreichen könne, da die Charaktere schon festgelegt und sehr unterschiedlich seien. Das ist auch das Lieblingstotschlagargument meiner eigenen Eltern. Daß mein Bruder und ich so geworden sind wie wir sind, daran sei einzig und allein unser Charakter schuld und dieser sei schon angeboren gewesen. Egal um was es geht, alles wurzelt angeblich im Charakter.

Es stimmt, daß Kinder unterschiedliche Persönlichkeiten haben, das kann ich als zweifache, bald dreifache Mutter nur bestätigen (ja, auch das dritte Kind zeigt sich im Bauch schon anders als seine Geschwister). Außerdem spielt zusätzlich zum Charakter auch noch die Geschwisterstellung mit hinein. Erstgeborene sind meist wesentlich ernster und vernünftiger als die danach Geborenen (Ausnahmen bestätigen die Regel), was vor allem daran liegt, daß sie von Erwachsenen umgeben aufwachsen (zumindest bis das Geschwisterchen kommt) und diese meist wesentlich strenger mit dem Kind umgehen bzw. viel unsicherer sind und deshalb schlecht entspannen können. Das wirkt sich natürlich auf das Verhalten des ersten Kindes aus.

Meine Kinder waren und sind sehr unterschiedlich.

Unsere Tochter war ein klassisches Schreibaby, das erste Jahr war geprägt von hochgradiger Unruhe und Unzufriedenheit ihrerseits (und natürlich damit auch unsererseits). Die Zeit danach Anfang des zweiten Lebensjahres war himmlisch, sie war sehr ruhig, aufmerksam und einfach liebenswert. Es folgte nach der Geburt ihres Bruders eine extrem lange Phase, in der sie wieder komplett ins Gegenteil fiel. Provokationen, Zerstörungswut, Ungeduld, Wut auf mich und den Bruder. Vom Charakter her würde ich sie mittlerweile als vorsichtiges, abwartendes Kind beschreiben, das sehr sensibel ist, andererseits jedoch ziemlich kontaktfreudig und offen für Neues, das schließt sich nicht aus. Sie neigt kaum zu Wutanfällen, da muß man schon sehr lange reizen. Wenn sie traurig ist, zieht sich vollkommen zurück und möchte am liebsten alleine sein.

Unser Sohn war als Baby schon anders. Sehr zufrieden, in sich ruhend, nur die Nächte machte er (sogar bis vor kurzem) zum Tag. Mit 10 Monaten fing er bereits an richtig zu wüten, sich am Boden zu wälzen und zu kreischen, wenn ihm etwas nicht passte, er steigerte sich oft so hinein, daß mir nichts anderes übrig blieb, als ihn eine Weile allein zu lassen, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Bei ihm war das zweite und dritte Lebensjahr sehr anstrengend. Ständig Jähzornanfälle, aus denen er schlecht herauszuholen war, Ungeduld ohne Ende, fast immer Prügelattacken, wenn er unzufrieden war. Bei ihm war und ist es allerdings so, daß er bei Traurigkeit ganz dringend Nähe und Kuscheleinheiten braucht und sich aussprechen möchte. Er lebt alle Gefühle voll und ganz aus, ist nach wie vor sehr impulsiv, auf der anderen Seite aber sensibel wie seine Schwester, da sind sie sich am ehesten noch ähnlich.

Und doch merkt man im Sozialverhalten kaum einen Unterschied. Daß man Rücksicht auf andere nimmt, höflich gegenüber seiner Umwelt ist und daß es nichts bringt, herumzuschreien, das haben sie beide gelernt, unabhängig vom Charakter.

Unsere Tochter hatte es vielleicht einfacher, da sie die Anlagen bereits hatte und eher ein anpassungsfähiges Kind ist. Aber selbst unser Sohn, der anfangs nur geschrien hat und sich benahm wie Rotz am Ärmel, hat gelernt, daß man so im Leben (bzw. bei den Eltern) nicht weiterkommt. Er hat gemerkt, daß es viel einfacher ist, wenn man freundlich fragt und einen Moment Geduld hat, bei Kreischen und Hauen dauerte alles nur länger bzw. er hatte überhaupt keinen Erfolg.

Egal wie der Charakter auch aussehen mag, das Verhalten gegenüber anderen ist davon (fast) unabhängig, das Affektverhalten kann nach und nach reguliert werden. Wenn ich es nicht beim zweiten Kind erlebt hätte, würde ich nicht darauf beharren, aber es ist so. Beinahe jedes Kind ist kooperativ, auch wenn es im ersten Moment manchmal nicht so aussehen mag. Beinahe jedes Kind lernt am Beispiel, wie man sich in einer Gruppe verhält, das eine oder andere braucht vielleicht etwas länger dafür. Entscheidend ist die Geduld und Selbstsicherheit der Eltern.

Bei meinem Sohn wurde ich auf eine harte Probe gestellt. Ich weiß nicht, wie oft ich dastand, mir fast die Luft wegblieb, ich ihn am liebsten geschüttelt oder angeschrien hätte. Manchmal habe ich ihn auch angeschrien, wenn es mir wirklich zu bunt wurde. Die meiste Zeit habe ich aber versucht, das Brüllen auszublenden, habe ihm erklärt, daß ich so gar nichts für ihn machen werde und ich so nicht mit mir reden lasse (bzw. mich nicht so anbrüllen lasse). Wenn er unhöflich wurde bzw. im Befehlston redete, bekam er eben nichts, so groß seine Wut auch wurde.

Das ist anstrengend. Sehr anstrengend. Und manchmal dachte ich, es wird sich nie etwas ändern. Aber nach und nach verstand er, was ich ihm mitteilen wollte und seitdem funktioniert das Zusammenleben fast reibungslos (außer er ist völlig übermüdet oder krank, aber das ist eine andere Geschichte).

Bei vielen Eltern habe ich einfach das Gefühl, es wird alles nur auf den Charakter geschoben, oft ist es ihnen einfach zu mühsam und dauert zu lange, konsequent zu bleiben oder das Kind auszuhalten. Und mich macht es wütend, daß z.B. meine Mutter (die kaum Geduld mit uns hatte) mir immer wieder mitteilt, daß es nur Glück sei, daß unsere Kinder so sind, wie sie sind. Sie sieht nicht die Anstrengung, die Arbeit und teilweise auch die Erschöpfung, die dahintersteht. Daß die Kinder eben nicht so geboren wurden, sondern einen Entwicklungsprozess durchlaufen haben. Und ich bin überzeugt davon, daß, egal was für eine Persönlichkeit es auch haben wird, selbst das dritte Kind ein ähnliches Verhalten aufweisen wird.

Den Charakter kann man nicht ändern, Verhaltensweisen sehr wohl.

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7 Antworten to “Alles Charaktersache ?”

  1. geologenkinder Says:

    Oh Erziehung ist so ein schönes Thema…..
    Eine Psychologin sagte mal zu uns, wir könnten nicht erwarten ein Kind wie andere Kinder zu haben wenn wir selbst „anders“ sind. Das hat zum einem etwas mit dem Charakter zu tun und zum anderen sind die Eltern das „Vorbild“ wonach die Kinder lernen.
    Allerdings frage ich mich manchmal wo sie bestimmte Verhaltensweisen abgeguckt haben – nicht von uns.
    Ich würde nie pauschalisieren, jedes Kind ist anders und jeders Elternteil ist anders. Wir haben unsere Kinder „gleich“ erzogen aber während mein Sohn die Höflichkeitsfloskeln sehr gut kennt und anwendet würde es meiner großen Tochter nicht im Traum einfallen diese zu verwenden (gut das Kind spricht sowieso nicht mit jeden).
    Es gibt so viele Beispiele die bei dem einen funktionieren und bei den anderen nicht.

  2. anjemi Says:

    Ach Mensch, so trastisch habe ich das nicht gemeint. Es klingt ja schrecklich, als hätte ich, wie deine Eltern, ALLES auf den Charakter geschoben!

    Aus deinen Zeilen vorhin las ich , so wie du das der Verkäuferin erklärt hast, dass höfliche Kinder, nur durch höfliche, respektvolle, ruhige Eltern entstehen und dass die Kinder der Spiegel ihrer Eltern sind. Das habe ich versucht zu widerlegen, weil ich nicht der Meinung bin. Ich glaube, bis zu einem gewissen Grad kann man einen Menschen erziehen, ja, aber auch ein großer Teil wie Charakter und Intelligenz spielen eine Rolle. Das ist nun mal Fakt. Was deine Eltern euch da vorwerfen ist natürlich Quatsch!
    Du hast vollkommen recht, wenn du schreibst, dass viele Eltern es sich leicht machen und mangelnde Nerven für das Kind mit diversen Ausreden übertünchen wollen. Das ist bei mir aber sicher nicht der Fall, glaube mir. Es ist lediglich meine Erfahrung und meine Meinung, weil ich sehe, wie leicht und sensibel meine Tochter mit Ratschlägen und Hilfeleistungen von mir umgeht und mein Sohn mich nur belächelt und ignoriert. Sicher, er ist noch sehr jung und vielleicht wird es sich, wie bei deinem Sohn, nach einem Reifeprozess alles zum „Positiven“ wenden. Vielleicht auch nicht. Vielleicht bleibt er stur und in sich gekehrt und wirkt rücksichtslos

    Aus deinen Zeilen liest man eine große Verletzung, die du in deiner Kindheit erlitten hast, das tut mir sehr leid. Da ist das natürlich ein sensibles Thema und ich wollte dich in keinster Weise angreifen oder kritisieren in deinem Tun und Leben. Im Gegenteil, ich bewundere über alle Maßen wie du deinen Alltag mit den Kindern meisterst und lese unwahrscheinlich gern deinen Blog.

    Liebe Grüße!

    • tekelek Says:

      Und ich hatte den zweiten Artikel auch nicht so gemeint 🙂
      Ich wollte sowohl Dir als auch der „Alexxblume“ antworten, da mir aber soviel im Kopf herumschwirrte, habe ich das Ganze gleich als weiteren Beitrag verfasst …
      Ich fühlte mich nicht angegriffen, ich wollte lediglich noch genauer ausführen, was ich meinte.
      Ja, Verletzungen habe ich einige erlitten während der Kindheit, wobei auch da wieder die Frage ist (um wieder auf die Sache mit dem Charakter zu kommen), ob ich einfach von der Persönlichkeit her zu sensibel und einfach zu angreifbar war …
      Es ist alles ein Wechselspiel. Was ich im Grunde sagen wollte ist, daß zwar der Charakter vieles festlegt, das Kind aber mindestens genauso stark vom Leben und eben auch anfangs vor allem von den Eltern geprägt wird …

  3. Tini Says:

    Witzig, Du Liebe, dass wir fast immer die gleichen Sinn-Beiträge schreiben. Habe heute „fast“ die gleiche Thematik.

    Erziehung & Co.

  4. aleXXblume Says:

    Nun habt ihr ja eigentlich schon alles gesagt, anjemi und tekelek… Ich wollte auch noch mal anmerken, dass ich zum einen Dir nicht zu nahe treten wollte und auch auf deinem Kindheits-Hintergrund gut verstehe, warum dich unsere Meinung so aufbringt, und zum anderen, dass ich es natürlich ebenso wie anjemi nicht so gemeint habe, dass der Charakter alles „entschuldigt“, bzw. jegliche Liebesmüh vergebens ist, wenn derselbige entsprechend angelegt ist. Ich denke, dass die Wahrheit, wie so oft, irgendwo in der Mitte liegt.
    Toll, dass es bei deinem Sohn so gut geklappt hat – wie alt ist er denn eigentlich inzwischen? Mein Kleiner ist gerade drei geworden und eben immer noch ein sehr anstrengendes, forderndes Kind. Vielleicht wirds ja in Zukunft auch besser… bleibt zu hoffen 🙂
    Und auch ich lese deinen Blog sehr gerne! 🙂
    Einen schönen Abend noch, LG AleXX

    • tekelek Says:

      Mein Sohn ist gerade vier geworden. Mit 3 war er stellenweise noch unausstehlich, die Ungeduld in Person und jähzornig ohne Ende. Mittlerweile kommt es zwar manchmal immer noch durch, aber wesentlich seltener und auch kontrollierter …
      Freut mich, daß Dir mein Blog gefällt 🙂

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